Mobil

Bazon Brock and Marina Sawall

Bazon Brock und Marina Sawall schützen in der Denkerei Kunst und Wissenschaft vor den Furien des Verschwindens, des Neides und des Zorns – im Sinne des Art. 5,3 GG, der die Freiheit von Kunst und Wissenschaft garantiert – nicht zuletzt, um sie vor kulturellen Übernahmeversuchen zu bewahren. Ende April 2019 musste die Denkerei am Oranienplatz nach 7 ½ Jahren schließen. Aktionen, Vorträge und Gespräche werden nun in der re|space gallery im Rahmen der Denkerei Mobil stattfinden.

Zur Einhaltung der Corona-Bestimmungen bitten wir um Anmeldung für die jeweiligen Veranstaltungen mit Name, Telefonnummer und Adresse an info@denkerei-berlin.de

Teilnahme nur mit Nachweis (Geimpft, Getestet oder Genesen).

Termine 2021:


18.11.2021, 19 Uhr:


Die Chinesen sind die besseren Deutschen
Etwas ist vergangen, wenn es von der Gegenseite übernommen wird.

Erstaunlich: Im europäischen Aufklärungszeitalter des 18. Jahrhunderts huldigte man der großen chinesischen Kulturtradition. Beste Zeugnisse dafür sind noch heute das Chinesische Haus im Park Sanssoucci und der Chinesische Turm im Englischen Garten zu München. Chinoiserien in Wandbespannungen, Porzellanen oder Möbeln erlaubten, das als faszinierende Fremdheit zu verehren, was in Europa von allen Aufklärern ausdrücklich als Rokoko-Belanglosigkeit abgetan wurde. Das stigmatisierte Eigene wurde wirksam als vom Fernhandel präsentierte exotische Fremdheit. Das ist ein Verweis auf die Psychodynamik der Kulturen, die Carl Schmitt schließlich mit der Feststellung kennzeichnete, dass der Feind unsere eigene Fragwürdigkeit als Gestalt sei.

Mit dem antikolonialistischen Aufstand der chinesischen Boxer Anfang des 20. Jahrhunderts wandelte sich die China-Begeisterung in Angst und Schrecken vor der gelben Gefahr. Heute müssen die Westler anerkennen, dass ihre so selbstverständlichen Überlegenheitsphantasien bedroht sind, weil die Chinesen sich inzwischen selber für überlegen halten. „Ach, wer da mitmachen dürfte!“, seufzten die deutschen Großindustriellen aller Branchen. Zugleich wissen sie aus der Geschichte des eigenen Imperialismus, dass sie von den Überlegenen bestenfalls als nützliche Hilfstruppen zugelassen werden – das erzeugt das Schauder-machende Vibrato in den Statements unserer nur noch zweitrangigen Industriegrößen. Aber wir haben vorgesorgt mit dem Denkmodell der unauflöslichen Bindung des Aufstiegs an seinen Niedergang: „Kinder, die Chinesen ersticken an ihren Abgasen und die Wüste steht vor Peking!“

Vergangene Termine:

15.09.2021, 19 Uhr:

 

„Notfalls leben wir auch ohne Herz“ (Beuys)

Spiritualität und Avantgarde

Mit Bazon Brock, Nicole Fritz, Christian Jankowski

Beuys hat in Wuppertal die Geschichte des Färbermeisters Bayer verstanden, der die lokale Überlieferung, wie der Nibelungenschatz im Rhein unterging, als Grundlage für die Gründung seiner Chemiewerke gesehen und sie sofort auf die industrielle Realität übertragen hat. Solche Übergänge aus einer historisch tradierten Spur in die technologische Lebenswelt der Neuzeit haben Beuys fasziniert – als erschließende Arbeit an der Kraft der Mythologie. Darin war Beuys ganz groß, er hat das höchste Niveau dieser Fähigkeit im 20. Jahrhundert erreicht. 

Die gesamte Moderne ist nichts anderes als eine Bewegung in der Tradition des Mythos oder der Spiritualität der Mystiker oder auch der Geisterseherei, die gerade die Aufklärungskunst in Europa bestimmt hat (deshalb konnten sich sogar die Nationalsozialisten als modern verstehen).

Die Aufklärung ist getragen von der Spiritualbewegung, die eben nicht von der Rationalität abgegrenzt und ausgegrenzt werden kann, sondern die diese Rationalität begründet. Veit Loers hat in seiner grandiosen Arbeit „Okkultismus und Avantgarde. Von Munch bis Mondrian 1900-1915“ die gesamte Geschichte der Modernen Kunst und der theoretischen Begleitung aus den Naturwissenschaften nachgewiesen.

Wahrheit im naturwissenschaftlichen Sinne ist eine Aussage, die wir alle akzeptieren, weil sie nicht nur einen Urheber hat. Das gilt genauso für den Mythos. Auch der Mythos ist eine urheberlos gewordene Aussage. Von der Struktur und damit auch von der potentiellen Wirksamkeit her stimmen wissenschaftliche Wahrheit und Mythos vollkommen überein.

Daher war es nicht mehr möglich, zu behaupten, es gäbe einen Unterschied zwischen den Glaubenssätzen der Naturwissenschaftler und denen der Mystiker.

16.09.2021, 19 Uhr:

Extase des Blicks

Im Sehen angesehen werden

Mit Perseus’ Spiegelung des tödlichen Medusenblicks fasst man seit alters her die Psychodynamik der Kommunikation: Reflexivität oder Selbstbezüglichkeit. Der hasserfüllte Blick des Fundamentalisten, der Blick des tyrannischen Chefs, der Blick der rasenden Eifersucht, der magische Blick der Zauberfrauen kann nur gebannt werden, wenn man ihn auf den Blickenden zurückspiegelt.

Noch heute wird der Trick des Perseus, Medusa ihr eigenes Bild in seinem blanken Schild zu zeigen, in den Schmuckdesigns der Amulette und Talismane als Abwehrzauber praktiziert.

Exstase des Blicks bezeichnet die Rückwirkung des Blickes auf den Blickenden. Dafür steht in der Gegenwart die Technik des Selfies, dessen Reiz gerade darin besteht, den Fotografierenden selbst zu ergreifen. Aber Fokussierung auf sich selbst widerspricht unserer Natur als soziale Wesen. 

Wer sich an sich selbst berauscht, anstatt sich in anderen zu erkennen, verliert seine Fähigkeit, auf neue Herausforderungen aus seiner Lebensumwelt zu reagieren. 

7.10.2021, 19 Uhr:


Artistik des vollkommenen Lebens

Ab 1900 gingen alle inzwischen als groß erkannten Künstler in den Zirkus. Was gab es da zu sehen für Modernisten dieses Schlages? Sie gingen hin, um zu erfahren, inwieweit sie als Künstler einen fundamentalen Beitrag zur Begründung von Lebenskonzepten darstellen konnten – gegen alle bisherigen Annahmen von Theologie und Wissenschaft. Die Antwort fanden sie bei den Seiltänzern, die über ein an zwei Pfählen aufgespanntes Seil balancierten, abenteuerlich ungeschützt in mehreren Metern Höhe. Diese Akrobaten hielten sich nur an dem fest, was sie selber trugen. Die Balancierstange ist das einzige, was einem Seiltänzer Stabilität gibt und ihm tatsächlich ermöglicht, nicht in die Tiefen unter dem unwahrscheinlich feinen Seil abzustürzen.

Damit war das Geheimnis aller dieser Überlegungen geklärt: Wir alle balancieren im Leben durch die Stabilität, die wir uns selber geben – durch das, was wir tragen. Das ist der Grundsatz der vernunftgetragenen Theologie, Philosophie und Psychologie.

21.10.2021, 19 Uhr:


Die Forderung nach Schönheit ist revolutionär

Schon der Maler und Künstlerbiograf Giorgio Vasari merkt Mitte des 16. Jahrhunderts an, dass die betörend schön gemalten Akte des Heiligen Sebastian die Kirchenbesucher in sehr ambivalente Gefühle versetzt haben dürfte. Einerseits sollten ihnen die Gemälde im sakralen Kontext das Leiden des Märtyrers in der Nachfolge Christi nahebringen; andererseits verführte die malerische und ästhetische Qualität des Bildes dazu, das Leiden des Märtyrers zu verdrängen und die Darstellung zu genießen. Das schreckliche, das todbringende Leiden, das kreatürliche Elend wurde in der künstlerischen Bewältigung zu etwas Interessantem, Großartigen, ja Schönen.

Die Ambivalenz von Schönheit und Schrecken, von Zerstörung und Schöpfung, das ist das „Sublime“, eine bestimmende Kategorie im Programm des Klassizismus von seinen Ursprüngen her. Der Klassizismus will verbindliche und nicht leere Abstraktionen als zeitenüberdauernde Schönheit gegen die jeweils konkreten historischen Befindlichkeiten der Menschen setzen.

Die klassischen Griechen verstanden Schönheit als das, so Gadamer, womit man sich in der Öffentlichkeit sehen lassen kann, also als das Überindividuelle, gesellschaftlich Verbindliche. Im Laufe unserer Kulturgeschichte wurde immer wieder versucht, dort Verbindlichkeit zu erzwingen, wo sie eben gerade nicht gilt. Das wurde zum Programm auch des radikalsten Klassizismus der Nationalsozialisten und vieler kapitalistischer Betonbrutalisten.

Wir sind aufgefordert, den radikalen Zugriff auf klassizistische Programme nicht weiterhin als Vorwand dafür zu benutzen, das Verlangen nach Schönheit und Dauer als reaktionäre Ausblendung sozialer Probleme, ja der Geschichte schlechthin zu stigmatisieren!

Als Lektüre für das Gesamtthema siehe:

 

4.11.2021, 19 Uhr:


Die Kunst hängt nicht an der Wand, sondern in Ihrem Kopf!

mit Bazon Brock und Stephan Wolting

 

Eine der gefährlichsten, weil folgenreichsten Formen des sprachlichen Handelns ist die Substantivierung von Eigenschaftsworten. Wenn aus der Eigenschaft eines Pullovers, von Lippen oder von Blut, rot zu sein, der Begriff der Röte abgeleitet wird, liegt es nahe, die Röte auf gleiche Weise für gegeben zu halten wie die roten Dinge. Sind aber die durch grammatikalische Operation gewonnenen Begriffe Freundschaft, Liebe, Glaube, Hoffnung auf gleiche Weise real wie die Menschen, die lieben, glauben, hoffen?

Der uralte Streit darüber, ob allgemeine Begriffe auf gleiche Weise real sind wie die Eigenschaften, aus denen sie abstrahiert wurden, zeitigt bis heute fatale Folgen. Zum Beispiel im Streit um die Frage darüber, ob es die „Kunst“ überhaupt gibt oder nur Arbeitsresultate von Künstlern, also an die Wand gehängte Leinwände oder auf Sockeln präsentierte Steine, Metalle, Kunststoffe. Was ist die „Musik“ jenseits der physikalischen Erzeugung von Tönen?

Die weltweit geführten Kulturkämpfe zeigen, wohin die Begriffsgläubigkeit führen kann. Immer noch und immer wieder werden durch fundamentalistischen Gebrauch von Begriffen Dogmen erzeugt, deren Durchsetzung stets tödlich sein muss. Besonders tragisch ist das, wenn gerade Künstler glauben, im Vorstellen und Denken gegen dogmatische Einengung antreten zu müssen. Der höchstamtliche Streit um den Geltungsanspruch des Künstlers Emil Nolde zeigt die Aktualität der Fragestellung „Sind universale Begriffe real oder bloße Worthülsen?“

Begriffe sind Denkwerkzeuge und nicht Abbildungen der gegebenen Welt. Der Begriff der Kunst gehört zum Denken über das Arbeiten von Künstlern. „Kunst“ zu sein ist also nicht die Eigenschaft der Arbeitsresultate. Wer das verwechselt, glaubt eben noch, dass die Kunst an der Wand hängt, anstatt zu erkennen, dass an der Wand nur der Denkanstoß dazu hängt, „Kunst“ zu denken.

Im Anschluss folgt ein Beitrag von Stephan Wolting (Berlin/Poznań) über den Zusammenhang von Wahrnehmung und ästhetischem Werturteil:

Kunst entsteht erst in Auseinandersetzung mit dem Auge des Betrachters und verschwindet sogleich wieder. Diese Haltung hat der britische Street Art-Künstler Banksy auf die Spitze getrieben, indem er Werke zerstörte bzw. verschwinden ließ. Eine ähnliche Haltung findet sich auch beim Sprayer von Zürich Harald Nägeli oder bei der Schweizer Aktionskünstlerin Milo Moiré.

Wie kommt es aber zur Reduzierung des künstlerischen Prozesses auf das Kunstprodukt? Sind hier Marktmechanismen mit am Werk, um im Bild zu bleiben? Aus welcher Motivation heraus reduzieren Menschen ihre Vorstellung von Kunst auf diese Weise? Warum lässt es sich für viele nicht ertragen, an einer prozessualen Vervielfältigung von Sinn mitzubasteln?

Künstlerische (Wert-)Urteile gehen über rein ästhetische Urteile hinaus. Sie stellen keinesfalls nur Bewertungen des Werks an sich dar und sind keineswegs nur subjektive Urteile, sondern beanspruchen im Sinne von Kants Kritik der Urteilskraft Anspruch auf Allgemeingültigkeit und stiften zugleich in Bezug auf Claus von Borgeest so etwas wie eine soziale Identität im doppelten Sinne des Begriffs der Aisthesis.

11.11.2021, 19 Uhr:


Kunstreligion
Vom Paulus zum Saulus: Aufklärung der Kunstpaulusse

Der moderne Künstler trat gegen die gründerzeitlichen Fürsten der ewigen Kunst in dem Bewusstsein an, dass alle Enthusiasmierten jederzeit und allerorten ihre Verwandlung durch Kunst erleben wollen.

Aus naiven Kunstgläubigen fanatisierte Parteigänger zu machen, gelang bis zum Ende des 19. Jahrhunderts den Künstlern vor allem, weil sie zeichnend, modellierend, malend etwas sichtbar werden ließen, was die Nichtkünstler allein deswegen schon nicht zustande brachten, weil sie weder zeichnen, noch modellieren, noch malen konnten.

Heutzutage gilt es, diese fundamentalistischen Kunstgläubigen in aufgeklärte Kunstkritiker zu verwandeln.

Siehe dazu: Bazon Brock: Vom Paulus zum Saulus. Nach Damaskus, um endlich den Kunstglauben zu verlieren! (1983)
Online unter: https://bazonbrock.de/werke/detail/?id=38&sectid=529