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Bazon Brock and MarinaSawall


21.10.2021, 19 Uhr:


Die Forderung nach Schönheit ist revolutionär

Schon der Maler und Künstlerbiograf Giorgio Vasari merkt Mitte des 16. Jahrhunderts an, dass die betörend schön gemalten Akte des Heiligen Sebastian die Kirchenbesucher in sehr ambivalente Gefühle versetzt haben dürfte. Einerseits sollten ihnen die Gemälde im sakralen Kontext das Leiden des Märtyrers in der Nachfolge Christi nahebringen; andererseits verführte die malerische und ästhetische Qualität des Bildes dazu, das Leiden des Märtyrers zu verdrängen und die Darstellung zu genießen. Das schreckliche, das todbringende Leiden, das kreatürliche Elend wurde in der künstlerischen Bewältigung zu etwas Interessantem, Großartigen, ja Schönen.

Die Ambivalenz von Schönheit und Schrecken, von Zerstörung und Schöpfung, das ist das „Sublime“, eine bestimmende Kategorie im Programm des Klassizismus von seinen Ursprüngen her. Der Klassizismus will verbindliche und nicht leere Abstraktionen als zeitenüberdauernde Schönheit gegen die jeweils konkreten historischen Befindlichkeiten der Menschen setzen.

Die klassischen Griechen verstanden Schönheit als das, so Gadamer, womit man sich in der Öffentlichkeit sehen lassen kann, also als das Überindividuelle, gesellschaftlich Verbindliche. Im Laufe unserer Kulturgeschichte wurde immer wieder versucht, dort Verbindlichkeit zu erzwingen, wo sie eben gerade nicht gilt. Das wurde zum Programm auch des radikalsten Klassizismus der Nationalsozialisten und vieler kapitalistischer Betonbrutalisten.

Wir sind aufgefordert, den radikalen Zugriff auf klassizistische Programme nicht weiterhin als Vorwand dafür zu benutzen, das Verlangen nach Schönheit und Dauer als reaktionäre Ausblendung sozialer Probleme, ja der Geschichte schlechthin zu stigmatisieren!

Als Lektüre für das Gesamtthema siehe:

4.11.2021, 19 Uhr:


Die Kunst hängt nicht an der Wand, sondern in Ihrem Kopf!

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